Nur die Impflicht für alle könnte ein Weg aus der Pandemie sein, denn die Umsetzung einer lediglich einrichtungsbezogenen Impfpflicht stellt zahlreiche Einrichtungen und Dienste sowie die von ihnen versorgten Menschen aktuell und perspektivisch vor reale Schwierigkeiten. Als leitende Pflegefachkraft blicken ich und viele Kollegen aus anderen Pflegeeinrichtungen auf die drohenden Konsequenzen dieser Impfpflicht mit großer Besorgnis.  Bei ca. 135.000 Pflegekräften, die in Baden-Württemberg tätig sind, bedeutet dies, dass ab dem 16. März ca. 20.000 – 35.000 Pflegekräfte nicht mehr eingesetzt werden können, da die Impfquoten von Einrichtung zu Einrichtung zwischen 60 bis 85% variieren. Es zeigt sich die reale Gefahr, dass es regional zu Unterversorgungsszenarien von auf Unterstützung, Pflege und Betreuung angewiesenen Personen kommen kann und vermutlich auch wird.

Umso schwerer wiegt vor diesem Hintergrund die bereits lange vor der Corona-Pandemie hinlänglich bekannte und nicht unerhebliche Personalnot in diesen Bereichen. Bereits jetzt kommt es durch die vierte Infektionswelle in den Einrichtungen bei ohnehin dünner Personaldecke zu krankheits- oder quarantänebedingtem Personalmehrausfall.  Zudem wird die Durchsetzung einer einrichtungsbezogenen Impfpflicht auf dem Rücken geimpfter Mitarbeitender vollzogen, die diese Ausfälle kompensieren müssen.

Es stellt sich mir nicht nur die Frage, wie das freigestellte Personal ersetzt werden kann; viele weitere arbeits- und ordnungsrechtliche Fragen sind ebenfalls nicht geklärt und bereiten mir Sorgen. Hier werden die Einrichtungen vor große Herausforderungen gestellt.  Es wird zu Versorgungsabbrüchen führen, da die Versorgung der Patienten dann nach Dringlichkeit und Reihenfolge der Behandlung differenziert werden muss.

Ich unterstütze die Maßnahmen zur Pandemiebewältigung einschließlich der Schutzimpfung. Aber nur durch die schnelle Einführung einer allgemeinen Impfpflicht kann der drohenden und evtl. nicht mehr reparablen Personalabwanderung in Bereiche ohne bestehende Impfpflicht und der daraus resultierenden Unterversorgung vorgegriffen werden.

Daher sehe ich den dringenden Handlungsbedarf, die einrichtungsbezogene Impfplicht bis auf weiteres auszusetzen, bis die avisierte allgemeine Impfpflicht beschlossen ist. Es wäre wünschenswert, seitens unserer Landtags- und Bundestagsabgeordneten Unterstützung zu erfahren, damit die ohnehin knappe Zeit nicht vergeudet wird.

 

Thomas Jaskolka

Leitung Pflegemanagement Stiftung Innovation & Pflege